85 Jahre Mittelwellensendungen aus Frankfurt am Main

 

Die Geschichte des Frankfurter Senders reicht bis in das Jahr 1924. Am 1. April begann hier  der Sendebetrieb mit 700 Watt Leistung. Betreiber war die von fünf privaten Gesellschaftern gegründete „Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG“, die nach Berlin und Leipzig die dritte regionale Funkgesellschaft mit täglichen Rundfunksendungen war. Standort des Studios und der Verwaltung war das damalige Postscheckamt in der Elbestraße im Frankfurter Bahnhofsviertel.

 

Bereits ein Jahr später wurde die Sendeleistung auf 1,5 kW erhöht. Auf Druck des Reichspostministeriums in Berlin schlossen sich 1925 sieben regionale Sendegesellschaften, darunter auch der Südwestdeutsche Rundfunk, zur Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) zusammen. Dieser Zusammenschluss führte auch zur Abtretung von 51 Prozent der Gesellschaftsanteile. Im Gegenzug übernahm die RRG als nunmehrige Dachorganisation der Rundfunksendegesellschaften zentrale Aufgaben in den Bereichen Verwaltung, Finanzen und Technik.

 

In dieser Zeit erfolgte auch die Verlegung der Sendeanlage auf den Heiligenstock, einem Feld auf Seckbacher Gemarkung, ziemlich genau zwischen Frankfurt und Bad Vilbel. Die genaue Adresse lautete dann bis 1967: Friedberger Landstrasse 525; Koordinaten: 08E43, 50N09. Offiziell wurde am 10.07.1926 von dort mit dem Sendebetrieb begonnen; anfangs ebenfalls mit einer Leistung von 1,5 kW. Als Frequenz wurde die Welle 470 m (entsprechend 638,3 kHz) genutzt, später wurde auf 700 bzw. 770 kHz gewechselt.

 

In diesen Anfangsjahren bauten sich geschickte Bastler Detektorempfänger, mit denen sie über Kopfhörer Musik und Nachrichten hören konnten, denn entsprechende Empfangsgeräte waren -so es sie denn gab- unerschwinglich. Findige Kleingärtner in der Nähe zum Heiligenstock bedienten sich der Sendeenergie für andere Zwecke: Sie benutzten ihren eigenen Gartenzaun als Antenne, befestigten daran einen Kupferdraht, den sie an einen Pol einer Glühlampenfassung anschlossen. Den anderen Pol erdeten sie und die Lampe leuchtete. Abends bestrahlten sie damit ihre Gärten. Da dies derart überhand nahm, dass die Sendeenergie dadurch so stark gedämpft wurde, dass nach wenigen Kilometern ein Empfang des Heiligenstock-Senders kaum noch möglich war, wurde schließlich ein Gesetz erlassen, das solche Basteleien verbot. (1)

 

1930 bezog der Südwestdeutsche Rundfunk ein eigenes Funkhaus in der Eschersheimer Landstraße 33. Im Jahr 1932 gab es aufgrund eines Wellentauschs mit dem Sender Leipzig erneut einen Wechsel und der Sender Frankfurt war nun auf der Frequenz 1157 kHz zu hören. Gleichzeitig wurde die Sendeleistung auf 17 kW erhöht.

 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.01.1933 verloren die Sendegesellschaften ihre Selbständigkeit und wurden „gleichgeschaltet“. Am 01.02.1933 wurde die Anstalt in eine GmbH umgewandelt und firmierte fortan unter „Südwestdeutsche Rundfunk G.m.b.H, Frankfurt“, bis dann, nach einer weiteren Umwandlung, jetzt als Filiale der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mbH, zum 01.04.1934 hieraus der „Reichssender Frankfurt“ entstand.

 

Mit dem Inkrafttreten des Luzerner Wellenplans am 15.01.1934 erfolgte wieder ein (geringfügiger) Frequenzwechsel auf nunmehr 1195 kHz. Gleichzeitig wurde auf dieser Frequenz ein Gleichwellenbetrieb mit den Sendern Kassel (0,5 kW) (2), Koblenz und Trier (je 2 kW) eingerichtet und betrieben.

 

Gleichzeitig wurde die Sendeleistung auf 25 kW erhöht. Als Sendeturm fungierte nun  eine Holzkonstruktion, die zuvor in Mühlacker bei Pforzheim im Einsatz war.

 

Am 09.06.1940 wurden alle Sender zum "Großdeutschen Rundfunk" zusammengelegt. Der „Reichssender Frankfurt“ übertrug fortan nur noch Einheitsprogramme, die in Berlin produziert wurden. Lediglich am Vormittag konnten die einzelnen Reichssender, so auch Frankfurt,  noch eigene, regionale Programme verbreiten.

 

Am 20.03.1944 wurde das Funkhaus Frankfurt durch Bobenangriffe schwer beschädigt. Der Sendebetrieb wurde in Notstudios verlegt, die wegen zunehmender alliierter Luftangriffe bereits 1943 vorsorglich in einem Bad Nauheimer Hotel installiert wurden. Erst am 15.02.1946 wurden diese Ausweichstudios aufgegeben und das notdürftig instand gesetzte Funkhaus in der Eschersheimer Landstraße konnte wieder bezogen werden.

 

Kurz vor dem Anrücken der alliierten Truppen am 25. März 1945 wurde der Sender Heiligenstock auf Befehl der Nationalsozialisten gesprengt.

 

Aber bereits wenig später, nämlich im April 1945 konnte der Sendebetrieb am Heiligenstock behelfsmäßig mit einem amerikanischen 1-kW-Sender wiederaufgenommen werden. Der Sender nannte sich nun „Radio Frankfurt - Ein Sender der amerikanischen Militärregierung“. Im November des gleichen Jahres wurde dann das Behelfssenderchen, das wohl kaum über die Stadtgrenzen hinaus störungsfrei empfangen werden konnte, durch einen fahrbaren deutschen Sender, der mit 20 kW fast die gleiche Sendeleistung wie die von den Nazis zerstörten Anlage hatte, ersetzt. Gesendet wurde allerdings nur unregelmäßig an einigen Stunden am Tag. Am 23. August 1947 wurde dann der reguläre Sendebetrieb wieder aufgenommen, jetzt mit stolzen 60 kW Sendeleistung. Hierzu war ein 100 kW-Eisenbahnsender der Fa. Lorenz (der einzige dieser Art) am Standort Heiligenstock fest installiert worden.

 

Ende 1947 nahm Radio Frankfurt am Standort Heiligenstock auch einen Kurzwellensender in Betrieb. Die 1-kW-Anlage von Lorenz war dort bis 1954 in Betrieb und übertrug das Programm von Radio Frankfurt und später des Hessischen Rundfunks auf der Frequenz 6190 kHz (48,47 Meter) vorwiegend für Hörer der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Diese Frequenz wurde später von Radio Bremen und dem Sender Freies Berlin bis 1996 gemeinsam genutzt und bis April 2012 strahlte der Deutschlandfunk sein Programm über die Anlage in Berlin-Britz auf 6190 kHz aus.

 

Nachdem der Hessische Landtag am 02.10.1948 das "Gesetz über den Hessischen Rundfunk" verabschiedete, war die Grundlage für die Einrichtung des Hessischen Rundfunks als Anstalt des öffentlichen Rechts mit Sitz in Frankfurt am Main gegeben. Am 28.01.1949 wurde dann in Anwesenheit des Militärgouverneurs amerikanischen Besatzungszone, General Lucius D. Clay, Radio Frankfurt in deutsche Hände übergeben. Der Hessische Rundfunk war geboren.

 

Am 01.09.1949 musste der Hessische Rundfunk die Frequenz 1195 kHz an die Stimme Amerikas abgeben und bekam im Gegenzug dafür die Frequenz 1439 kHz zugeteilt. Obwohl damit eine Erhöhung der Sendeleistung auf 100 kW verbunden war, konnte mit der neuen -höheren-  Frequenz das Sendegebiet nur unzureichend versorgt werden.

 

Ganz bitter wurde es aber mit Inkrafttreten des Kopenhagener Wellenplanes am 15.03.1950. Plötzlich stand Frankfurt ganz ohne eigene Frequenz da. Die MW 1439 kHz konnte nur noch bis zur Inbetriebnahme des Senders Luxemburg II eingesetzt werden. Der amerikanische Soldatensender AFN sendete seit 1945 ebenfalls vom Standort Heiligenstock, zunächst auf den Frequenzen 1411, 602 und schließlich 593 kHz. Durch den Kopenhagener Wellenplan wurde aber ein „Hintertürchen“ geöffnet, dass es dem AFN ermöglichte, eine andere Frequenz zu nutzen. AFN Frankfurt wich daher zunächst auf die Frequenz 935 kHz (10 kW) aus, bis dann nach Errichtung des Senders Weißkirchen bei Oberursel auf die bis Ende April 2013 bestehende 872 kHz (150 kW) gewechselt konnte. Im Umkehrschluss erhielt der Hessische Rundfunk nun die MW 593 kHz. Ab 1951 wurde als Sendeantenne für diese Frequenz eine Richtantenne, bestehend aus vier 121 Meter hohen Stahlfachwerkmasten verwendet. Ab 1952 kam der Gleichwellenbetrieb mit dem Sender Hoher Meißner dazu (3). Die Richtantenne ermöglichte es, die Frequenz bei Dunkelheit in Richtung der lt Kopenhagener Wellenplan regulären Benutzer Sundsvall/Schweden und Sofia/Bulgarien auszublenden.

 

Unmittelbar neben der Anlage befand sich bis in die 1990er Jahre eine weitere Sendeanlage, über die die Presseagentur DENA auf Frequenzen im Langwellenbereich Nachrichten im Funkfaxmodus an Zeitungen übermittelte. Der Verfasser erinnert sich selber noch daran, dass, wenn er die Friedberger Landstraße in Höhe des Heiligenstocks passierte, einen richtigen „Antennenwald“ zu Gesicht bekam.

 

Am 01.06.1951 begann der Hessische Rundfunk mit dem Umzug ins Funkhaus am Dornbusch, dessen Kernstück, ein rondellartiger Bau, ursprünglich als Plenarsaal des Bundestages in einer Bundeshauptstadt Frankfurt dienen sollte. Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden.

 

Das Ende der Sendungen vom Heiligenstock kündigte sich Mitte der 1960er Jahre an: Die Stadt suchte Bauland für lockere Wohnbebauung und fasste auch dieses Gelände ins Auge. Man suchte daher einen neuen Standort für den Mittelwellensender und wurde letztendlich fündig: Am 18. September 1967 nahm der ca. 15 km südöstlich von Frankfurt befindliche neue MW-Sender Weiskirchen (Rodgau) seinen Sendebetrieb auf der MW 593 kHz auf und die Einrichtungen am Heiligenstock wurden einige Jahre später weitgehend demontiert. Heute ist das Gelände überwiegend frei von Bebauung, die geplanten Wohnhäuser wurden nie errichtet. Lediglich der Parkfriedhof Heiligenstock befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft.

 

Mit Inkrafttreten des Genfer Wellenplans am 23.11.1978 wurde die Sendefrequenz geringfügig auf 594 kHz geändert. Bis zum 31.12.2009 übertrug der Hessische Rundfunk auf dieser Welle verschiedene Programme, zuletzt den Nachrichtenkanal hr-info.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

Seit dem 01.01.2010, 00h05m33s sind die Mittelwellensender des Hessischen Rundfunks für immer verstummt.

Die letzte Sendeminute kann man ‹‹hier›› anhören.

 

Auf dem Gelände des ehemaligen Senders Heiligenstock sind nur noch wenige Überreste zu sehen, wie das nebenstehende Bild zeigt.

_______________________________________________________________________

 

(1) Entnommen aus dem Buch „Kilianstädten - Geschichte und Geschichten“, Geiger-Verlag Horb a.N. 2009, ISBN 978-3-86595-338-4 mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsgruppe Ortsgeschichte Kilianstädten.

 

(2) Bald nach dem Sendebeginn aus Frankfurt wurde schon deutlich, dass zur Versorgung des nördlichen Sendegebietes des Südwestdeutschen Rundfunks ein weitere Sender notwendig wurde, der in Kassel am 25.01.1925 mit 0,25 (später 0,5) kW sendete. Es wurden verschiedene Frequenzen genutzt, wie 1100, 1190, 1200 und 1220 kHz, bevor der Gleichwellenbetrieb auf 1195 kHz erfolgte.

 

(3) Bis dahin wurde vom Standort Kassel auf verschiedenen Frequenzen gesendet: 1267 kHz (1945), 1402 kHz (1949), 1439 kHz (1950) und 1594 kHz (1951). Aufgrund der nach wie vor geringen Sendeleistung und der bei hohen Frequenzen ohnehin nicht überragenden Reichweite war ein zusätzlicher Sender notwendig, der 1949 in Fritzlar mit 5 kW Sendeleistung zunächst auf 1258 kHz und ab 1950 auf 917 kHz sendete. Sowohl Kassel als auch Fritzlar wurden mit Inbetriebnahme des Hohen Meißners abgeschaltet.

In Mittelhessen entstand durch den Gleichwellenbetrieb von Weiskirchen und Meißner ein Verwirrungsgebiet, das dort einen Empfang der Mittelwelle zumindest erschwerte. Der Genfer Wellenplan sah für den Hessischen Rundfunk 1978 deshalb zwei Kleinsender auf 1485 kHz (Marburg und Fulda mit je 1 kW) vor, um Empfangslücken zu beheben. Diese Sender gingen jedoch nie in Betrieb.